Alles besser mit mehr Beatmungs-Geräten?

Zuletzt lese ich auf Twitter immer wieder von verschiedenen Ideen, mit verschiedenen technischen Ansätzen auf einfache Weise Beatmungsgeräte herzustellen, um der COVID-19-Krise zu begegnen, z.B. auch beim Massachusetts Institute of Technology: http://news.mit.edu/2020/ventilator-covid-deployment-open-source-low-cost-0326

Eines drängt sich da sofort auf: Das hatten wir alles schon mal. Frühe Beatmungsgeräte waren genau das, was dort beschrieben ist: Ein Beutel, aus dem über Druck-Abgabe ein Atemgas in die Lunge des Patienten abgegeben wird. Nur: So einfach ist es nicht. Und wie am Ende des Artikels gezeigt, kommen wir allein mit technischen Lösungen auch nicht weiter.

Komplexität von Beatmungsgeräten

Man stelle sich folgendes vor: Ein Atemweg (als Maske vor dem Gesicht oder als Tubus=Schlauch in der Luftröhre) ist gelegt, und ein Gerät entscheidet, wann eine Einatmung stattfindet und wann ausgeatmet wird. Sagen wir, dieses Gerät würde einfach ganz stumpf 12x pro Minute beatmen. Wir alle sind daran gewöhnt, dass wir eben überhaupt nicht darüber nachdenken, wann wir einatmen oder ausatmen. Das geschieht reflektorisch aufgrund der Erfordernisse, die an unseren Organismus aktuell gestellt sind.

Wenn jetzt von einem Beatmungsgerät vorgegeben wird, wie oft und wann Luft in meine Lungen strömen soll, dann müßte ich mich -wenn ich mitmachen möchte- darauf konzentrieren, wann diese Aktion stattfindet. In diesem Moment müßte ich meine  Atemwege für den mechanischen Atemhub öffnen, also locker lassen. Ich hoffe, es ist für jede*n nachvollziehbar, dass das schwierig ist. Es würde sehr viel Konzentration erfordern. Man könnte vermutlich nicht schlafen. In der Anästhesie heißt so ein Beatmungsmuster CMV, abgekürzt „Continuous Mandatory Ventilation“, also im Prinzip „aufgezwungene Beatmung“

CMV – Was ist so schlimm daran?

Für eine derartige Beatmung muss eine extrem tiefe Narkose durchgeführt werden. Im Falle einer Anästhesie für einen chirurgischen Eingriff ist diese sowieso erforderlich und ist für viele Eingriffe über die gesamte Dauer aufrecht zu erhalten. Das ist einer der Punkte, auf den Anästhesisten während der Narkose achten.

Der Unterschied zur Beatmung auf der Intensivstation liegt darin, dass unser Körper diesen Zustand nicht besonders mag: Unsere Lunge funktioniert viel besser, wenn wir Unterdruck anstelle von Überdruck verwenden. Dies ist in Spontanatmung der Fall, oder bei Anwendung der sogenannten „Eisernen Lunge“, die vor langer Zeit für die Behandlung von Patienten mit Poliomyelitis eingeführt wurde. Auch unter der besten  Beatmung über Geräte werden bestimmte Lungenanteile schlechter belüftet als bei Spontanatmung. Im Liegen sind das oft die am Zwerchfell gelegenen Abschnitte, und dort eher die im Rückenbereich.

Wenn wir immer wieder einen großen Druck aufwenden, um die Atemwege des Patienten mit Atemgas zu füllen, dann setzen wir die Lunge unter mechanischen Stress. Dieser Stress besteht aus Druck- und Scherkräften. Die Lunge ist kein passives Organ, sondern auch ein sehr aktiver Teil des Immunsystems. Sie reagiert auf Stress mit der Ausschüttung von Botenstoffen, die wiederum Veränderungen an ihr selbst und am gesamten Organismus bewirken.

Eine der frühen Erfahrungen mit Überdruck-Beatmung war die Entdeckung des Atemnotsyndroms (ARDS: https://flexikon.doccheck.com/de/Acute_respiratory_distress_syndrome ). Im Endeffekt führt dieser Zustand zu einer zunehmenden Flüssigkeitsfüllung der Lunge mit Beeinträchtigung ihrer Funktion. Dies wurde bereits 1967 von Ashbaugh in der renommierten Zeitschrift „The Lancet“ beschrieben: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/4143721.

Beatmung heute

Moderne Beatmungsgeräte sowie auch die therapeutischen Ansätze orientieren sich deshalb ganz anders als früher. Noch einmal zusammengefasst: Zuerst dachte man, für eine Beatmung müsse man nur mechanische Lösungen finden, und der Rest würde sich schon ergeben. Dann sah man, dass diese Behandlungsweise schädlich für viele Patienten war.

Geräte

Heutige Beatmungsgeräte haben jede Menge Ventile und Sensoren, die jederzeit feststellen, wann der Patient einatmen, und wann er ausatmen möchte. Auch dies muß man sich einmal selbst vorstellen: Ich möchte ausatmen, aber das an mich angeschlossene Gerät findet, dass jetzt der Zeitpunkt für eine Einatmung ist. Geschwächt wie ich durch meine Grunderkrankung bin, kann ich dem wenig entgegen setzen. Wie angenehm ist das?

Funktionieren kann solch ein System -neben einem komplexen Ventilsystem- nur über eine ausgeklügelte Software, die genau das tut, was der Behandler vorhat und was der Patient benötigt. 

Die Software ermöglicht nun Beatmungs-Verfahren, die eben nicht mehr starre Beatmungszyklen vorgeben. Diese sind assistierte Beatmungsverfahren. Sie achten darauf, was der Patient tun möchte. Wenn er gar nichts macht (wie in tiefer Narkose), dann wird nach einer bestimmten Zeit ein Atemhub abgegeben. Wenn der Patient einatmet, wird er in gewissem Ausmaß unterstützt. Dies immer unter Vermeidung von Überblähungen und Druck-Spitzen.

PEEP

In meinem vorherigen Posting zur Beatmung ( http://marc-hanefeld.de/beatmung-ein-beispiel/ )  hatte ich schon den PEEP (Positive End-Exspiratory Pressure) genannt. Das ist ein Druck, der auch bei Ausatmung in einem Beatmungs-System immer aufrecht erhalten wird, um das Kollabieren von feinen Atemwegen und Lungenbläschen (Alveolen) zu vermeiden. Dieses Konzept ist enorm wichtig für das Verständnis von Beatmung.

Man stelle sich einen Spielzeug-Ballon vor, der noch nicht aufgepustet ist. Wenn ich diesen mit Luft füllen möchte, springen mir vor Anstrengung nicht selten die Augäpfel hervor. Erst ab Überwindung eines bestimmten Anfangs-Volumens wird es leichter, den Ballon zu füllen. Ebenso wird es am Ende relativ schwierig, weiter Luft hineinzublasen, wenn der Ballon schon voll ist.

Wenden wir das auf die Lunge an. Stellen wir uns vor, dass sich die Atemwege von der Luftröhre und ihrer Aufzweigung in die beiden Lungen ca. 20 Mal aufteilen. Dabei kommen sehr feine Atemwege heraus. An den feinsten Aufzweigungen und in den Lungenbläschen findet Gasaustausch mit den ebenso aufgezweigten Blutgefäßen statt. Der Austausch ist aber z.B. dann erschwert, wenn die Lungenabschnitte überbläht sind, weil dann die feinen Gefäße zusammengedrückt werden und die Durchblutung sinkt.

Zurück zum Aufpusten eines Ballons. Stellen wir uns nun vereinfacht nur mal eine Reihe von Lungenbläschen vor. Jedes ist ein Ballon, alle sind über einen Verteiler-Schlauch an eine Luft-Zuführung angeschlossen. Wenn nun einige Ballons leer sind, andere leicht gefüllt, einige überfüllt: Dann findet die Belüftung bei Zu- und Abführen von Luft vorwiegend in der mittleren Gruppe dieser drei statt.

Eine phsyikalische Gesetzmäßigkeit macht uns übrigens hier das Leben schwer: Schließen wir über ein Y-Stück ein prall gefülltes Lungenbläschen mit einem wenig gefüllten zusammen, dann gibt -entgegen der Erwartung!- das weniger gefüllte Luft an das prall gefüllte ab. Warum? Die Oberflächenspannung  im wenig gefüllten Bereich ist größer. 

PEEP hilft dabei, die nicht gefüllten Ballons zu öffnen und somit der Beatmung zugänglich zu machen. Es ist das Ziel der Beatmung, möglichst viel Anteile der Luftwege in dem eben geöffneten Status zu erhalten. Auch das oben genannte Problem der Oberflächenspannung wird damit zumindest optimiert.

Wenn man nun Vorrichtungen sieht, die eine Beatmungsbeutel rhythmisch zusammendrücken und dem Patienten so eine Beatmung aufzwingen, dann sieht man angesichts des Gesagten: Das sind Luftpumpen. Das kann nicht funktionieren. Auch nicht für „leichte Fälle“. Denn wenn man mit so etwas beatmet wird, muss man schon eine tiefe Narkose haben, um das auszuhalten. Und das bringt einen sehr schnell dahin, ein schwerer Fall zu werden. So wie weiter oben beschrieben.

Beatmung und (Intensiv-)Medizin

Das oben Gesagte mag für den einen oder anderen schon ziemlich ins Eingemachte gehen. Für Spezialisten ist das aber nicht mehr als die Ur-Suppe. Dies sind nur ganz basale Konzepte dazu, wie man mit Beatmungen umgehen muss. Ich habe hier noch nicht über die Sauerstoff-Konzentration in der Einamtung (FiO2), den CO2-Partialdruck oder die differenzierte Behandlung auf der Grundlage von Blutgasanalysen oder die Behandlung des Säure-Basen-Haushaltes gesprochen. Und es gibt noch weit mehr Aspekte.

Zudem ist die Narkose-Führung für beatmete Patienten nicht ganz einfach. Früher hat man alle Patienten einfach „platt gemacht“ (Jargon, steht für tiefe Narkose). Bis man festgestellt hat, dass dies die Leute kränker macht und zu einer erhöhten Sterblichkeit führt. Heute sieht man zu, dass man die Narkose nur so tief gestaltet, dass Stress, Schmerzen und Angst weg sind, dass aber eine Spontanatmung erhalten bleibt. Ausnahmen bestätigen hier die Regel: Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma oder Hirnblutungen müssen auch heute noch häufig tief in den Schlaf gelegt werden, da jedes Erwachen mit eventuellem Husten eine Gefahr für das Gehirn durch den Druckanstieg bedeutet. Diese Patienten entwickeln aber dafür viele Komplikationen und sind eine große intensivmedizinsiche Herausforderung.

Fast alle Beatmungspatienten benötigen sogenannte Katecholamine, also gefäßaktive Substanzen, die dabei helfen, den Kreislauf/Blutdruck aufrecht zu erhalten. Dies hängt mit den Grundkrankheiten, aber auch mit der Beatmung an sich zusammen. Denn Beatmung mit Überdruck schädigt auch immer den Kreislauf. Bei Narkosen für Operationen bei Gesunden fällt das nur oft weniger ins Gewicht.

Bei beatmeten Patienten werden ständig Blutabnahmen durchgeführt, Blutgasanalysen abgenommen und zur Therapieanpassung verwendet, verschiedene andere Kriterien bewertet. Bei Beatmeten muss man die Organfunktionen sehr engmaschig im Griff behalten. Gerade die Nierenfunktion bedarf großer Aufmerksamkeit, und nicht selten sind Nierenersatzverfahren notwendig: https://www.amboss.com/de/wissen/Nierenersatzverfahren

Bei Lungenversagen wie bei COVID-19 ist es essentiell, dass die Lunge vor Flüssigkeits-Überladung geschützt wird. Ein Nierenversagen verursacht hier viele Probleme und muss konsequent behandelt werden 

 

Weaning

Man darf nicht vergessen: Beatmung ist keinesfalls eine Sache, die man eine Zeitlang macht, und dann hört man einfach auf. Studien bei gesunden Probanden zeigen, dass bereits nach 24 Stunden meßbare Zwerchfell-Funktionsstörungen entstehen, wenn man so lange beatmet wird. Wenn man dann noch eine schwere Krankheit durchleben muss, fällt das viel mehr ins Gewicht. Neben diversen anderen Problemen ist deswegen das Abtrainieren von der Beatmung eine Riesen-Herausforderung für die Intensivmedizin. Es ist nicht selten, dass nach einer Woche intensiver Beatmungstherapie noch 2 Wochen oder mehr dieses „Weanings“ vergehen.

In dieser Phase benöten die Patienten enorm viel Aufmerksamkeit der Behandler, insbesondere der Pflege. Es ist ein Riesen-Fortschritt, wenn der Patient nicht mehr liegt, sondern für einige Minuten an der Bettkante sitzen kann. Meilensteine wie das längere Sitzen im Therapie-Sessel oder gar das Bewältigen einiger Schritte werden begeistert vom Team zur Kenntnis genommen.

Kurz: Mit ein paar Tagen Beatmung ist es nicht getan. Patienten nach Langzeit-Beatmungen (nach meiner Auffassung alles > 3 Tage) benötigen oft Wochen bis Monate bis zum Erreichen eines akzeptablen Zustands mit Bewältigung von Alltags-Anforderungen.

Beatmung und Personal

Das Wichtigste zuletzt, denn die Vorrede war dafür nötig: Für die Therapie von Beatmungspatienten benötigt man nicht (nur) Maschinen. Maschinen sind eine Grundvoraussetzung, ohne die gar nichts geht. Die wahren Fortschritte wird man aber nur erzielen, indem diese Maschinen -und alles drumherum!- von Menschen eingesetzt werden, die sich extrem gut mit dem Thema auskennen.

Ein beatmeter Patient hat über das Beatmungs-Device (Maske, Beatmungsschlauch, https://www.immerda-intensivpflege.de/wissenswertes-aufbau-trachealkanuelen/ hinaus meist mindestens einen Blasenkatheter, eine arterielle Kanüle zur Messung des Blutdrucks und der Blutgase und einen zentralen Venenkatheter, an dem -jeweils über einen eigenen Schlauch- diverse Medikamente über Pumpen kontinuierlich gegeben werden. Es gibt noch diverse andere Devices für besondere Behandlungen oder Messungen.

Dies führt dazu, dass man sehr viel auf einmal im Blick haben muss. Bereits das Drehen eines beatmeten Intensivpatienten zum Zweck der Körperpflege oder des Wäschewechsels erfordert eine unheimlich hohe Expertise und große Kenntnisse. Nicht davon zu sprechen, dass man als Intensivpflegekraft alle Medikamente extrem gut kennen muss, um einzuschätzen, was z.B. beim Pausieren für den Spritzenwechsel passieren kann.

In den letzten 15 Jahren (seit Einführung der sogenannten DRGs https://de.wikipedia.org/wiki/Diagnosebezogene_Fallgruppen ) sind die Krankenhäuser personell extrem heruntergefahren worden. Pflege ist ein Beruf im Niedriglohn-Sektor. Trotz all dieser Anforderungen. Als Intensiv-Arzt bin ich ohne eine sehr gut ausgebildete Intensiv-Pflegekraft total aufgeschmissen.

Wer meint, dass die aktuelle Krise nur mit der Anschaffung von Beatmungsgeräten erledigt sei, der irrt gewaltig: Ohne Personal mit Expertise haben die Geräte nicht einmal den Wert des Papiers, auf dem ihre Rechnungen abgedruckt sind. Und diese Expertise benötigt Jahre, wenn man sie aufbauen möchte.

Ich hoffe deshalb, dass die Corona-Krise durch das Management der Übertragungen eingedämmt wird und wir anschließend sehr intensiv darüber sprechen, ob Krankenbehandlung wirklich etwas ist, was über Investment-Fonds und sonstige Investitions-Mechanismen Geld-Abschöpfung aus dem Gesundheitswesen ermöglichen sollte. Meine Antwort darauf ist klar geworden, hoffe ich.

 

14 Gedanken zu „Alles besser mit mehr Beatmungs-Geräten?“

    1. CPAP beinhaltet ja schon diverse komplexe Techniken. Es geht darum, den Eintritt in ein schlimmeres Stadium zu verhindern. Das finde ich gut! Wichtig ist nur, dass dafür ebenfalls ausreichend qualifiziertes Personal vorhanden sein muss. Und dieses Personal muss entsprechend freie Ressourcen haben.

  1. thx,
    sehr gut nachvollziehbar und plausibel.

    In DE geht man derzeit von einer erforderlichen Verdopplungsphase von mind. 10 Tagen aus, um unter die Überlastgrenze, die Triage nach sich zieht, zu gelangen. Akt. liege der Wert bei 5 Tagen. Der 5 -> 10 Gradient ist derzeit nicht bezifferbar. Die v. DIVI e.V. als „bald“ avisierte Triage-Situation ist also vmtl. absehbar real.
    Wie würden Sie im Fall der Triage Situation oder in deren absehbarer „Sichtweite“ bewerten bzw. welche Randbedingungen fordern für
    den Einsatz von
    a) weniger gut geschultem „Personal“
    b) teils den Patienten schädigenden, aber für die (Ersatz-Beatmungs)-Mortalität(pB) gegenüber dem Triage-Motalität(pT) mit pT>pB;
    Ergänzungsfrage:
    Wie sehen Sie die Potenziale der Rekrutierbarkeit des von Ihnen benannten Personals mit Mindesqualifizierung unter Einbeziehung interdisziplinärer Rekrutierungsteams mit ggf. infiniten finanziellen Ressourcen?
    Analog dazu interdisziplinär besetzter Instanzen mit Befugnissen zum Dirigat wiss., akademischer und ökonomischer Ressourcen, Fabrikationen inbegriffen?
    Bitte versuchen Sie mentale Ressentiments beiseite zu lassen und nur als Wissenschaftler zu urteilen, auch wenn die Eingangsparmeter hier mehr als unzureichend zur Verfügung stehen und natürlich nur eine Schätzung denkbar ist.

  2. Toller Aufsatz eines Wissenden! Auch der Vorkommentar ist prima.

    Die invase Beatmung ist Hexenwerk, und nicht improvisierbar – zumindest aus meiner Ingenieur-Sicht. In der Krise kann es darum gehen, die Zeit der nicht-invasive Beatmung (NIV) möglichst zu verlängern, damit die invasiven Beatmungsplätze schneller frei werden.

    Auch sollte Patienten und Angehörigen die Todesangst genommen werden, kein „Beatmungsgerät“ – ein vom Patienten als solches akzeptiertes Gerät – zu bekommen in einer Triage.

    Eine Maßnahme wäre, genügend NIV-Geräte zu betreiben. Diese einfacheren Geräte übernehmen die Mindestversorgung für die Menge der Patienten. Die Invasiv-Plätze sind dann die letzten Mittel.

    Für NIV werden im wesendlichen 4 Komponenten benötigt:
    1. Druckluft
    2. Ventil
    3. Filter
    4. Maske

    Die aktuellen technischen Not-Konzepte für Behelfs-NIV verengen sich stark auf das Ventil. Der Rest wird als gegeben vorausgesetzt.

    Das technische Ventil bei NIV kann notfalls einfach durch Menschen ersetzt werden: Assistent oder Patient kann im simpelsten Setup einfach den Schlauch knicken, um die Druck von der Maske zu nehmen zum Ausatmen.

    Wichtiger sind Luftdruck und Filter. Dessen Zusammenspiel ist die Basis der NIV. Druckluft wird über Kompressoren erzeugt, ob im Keller des Krankenhauses aus Sauerstoff oder im Not-Zelt durch tragbare Kompressoren aus dem Baumarkt.

    Die Filter können und müssen improvisiert werden, und zwar in großer Zahl. Die Filter müssen die vom Kompressor zusätzlich verschmutze, an sich schon keimhaltige Umluft so gut wie möglich reinigen und die trockende Druckluft kurz vor der Maske wieder anfeuchten. Ich habe an mir ausprobiert, was ungefilterte Druckluft mit Maske erzeugt: einen brenndenden Rachen und Stechen in der Lunge. Nach Einbau eines Filters konnte die Druckluft problemlos geatmet werden.

    Kurz: Funktioniert der Filter, kann die Druckluft notfalls mit einer Luftpumpe erzeugt werden – notfalls daheim für Oma.

    Im Grunde muss ein Filter von Jedem zu Jederzeit selbst herstellbar sein. Niemand hat Masken und Schläuche zuhause. Daher habe ich eine Anleitung entwickelt, wie man aus Haushaltsgegenständen wie Plastikflaschen, Kabeln und Grillkohle einen Behelfs-Filter bauen kann. Dieser Filter stellt die denkbar simpelste Form eines NIV-Filters dar, die absolute Selbstbastel-Lösung für die Apokalypse. Siehe

    https://www.youtube.com/watch?v=k3NgMyLu1XM

    Dieser Filter ist nicht für Krankenhäuser und Ärzte gedacht. Für Not-Zelte habe ich ein mobiles Stand-Alone-NIV-Gerät entwickelt, dass selbst komprimiert, effektiver entkeimt und eine Verteilung auf sechs NIV-Beatmungsplätze ermöglicht. Es könnten sehr schnell sehr viele dieser Geräte produziert werden. Als freier Ingenieur habe ich leider keine Stimme wie ein Formel-1-Team. Daher dringt man damit nirgends durch.

    Hoffen wir, dass es so schlimm nicht wird, dass meine Konzepte hätten zum Tragen kommen müssen.

    A.I.

      1. Ein Lungenemphysem wie COPD wird mit ähnlichen Methoden der nicht-invasive Beatmung behandelt. Der Druck ist lediglich geringer und es wird bevorzugt reiner Sauerstoff verwendet.

        Wenn der Filter funktioniert und die Umluft nicht allzu verkeimt ist, sollte es keine Schwierigkeiten geben.

        Idealerweise sollte man für den Filter Aktivkohle verwenden und das Wasser abkochen und täglich tauschen, sowie die Maske reinigen mit Spülmittel – nicht auskochen, das verträgt das Plastik nicht.

        Die Antwort ist also: Ja!

  3. Guten Tag Herr Hanefeld,

    unter https://www.immerda-intensivpflege.de/wissenswertes-aufbau-trachealkanuelen/#comment-47 hinterließen Sie einen Link auf Ihren obigen Artikel. Gefällt mir sehr gut!

    Ich schreibe und verwalte den Blog unter https://www.immerda-intensivpflege.de/newsblog/. Falls Sie an einer höheren Reichweite für Ihren Artikel interessiert sind, würde ich ihn gern als Gastbeitrag / Zweitveröffentlichung dort posten, selbstverständlich mit einem Canonical Link auf Ihren Original-Artikel, so dass Ihr Artikel aus Sicht von Google als Original gilt und im Ranking steigt.

    Übrigens passt Ihr Artikel auch sehr gut zu https://www.immerda-intensivpflege.de/corona-krankenhaus-engpass-pflegekraefte-triage/. Dort habe ich Sie zitiert und auf Ihren Artikel verlinkt.

    Leider hat Ihr Blog kein Impressum mit Mailadresse. Daher schreibe ich Ihnen als Kommentar. Falls Sie einverstanden sind, würde ich mich über Ihre Nachricht an meine Mailadresse bei exteo.de freuen.

    Herzliche Grüße
    Jörg Gastmann
    https://www.exteo.de

    1. Moin Herr Gastmann,

      sehr nettes Feedback -danke!

      Gegen eine Nutzung als Gastbeitrag habe ich natürlich nichts einzuwenden. Und der Blog ensteht gerade mit den notwendigen Addons. Zunächst wollte ich nur einen kleinen Artikel für meine Twitter-Follower schreiben. Deshalb ist das ganze noch etwas „improvisiert“…

      Beste Grüße,
      Marc Hanefeld

  4. Das ist ein guter Start in ein Blog, das ich sicher öfter besuchen werde. Danke!
    Hoffentlich wird allen Verantwortlichen klar, dass man die nötige Beatmungsexpertise nicht durch Umwidmen von Produktionsstraßen (statt Motoren dann eben Beatmungsgeräte) erschaffen kann. Hoffnungen, dass unser von Investoren an den Rand des Ruins gespartes Gesundheitswesen nun auf andere Füße gestellt wird, mache ich mir aber nicht. Dass im UK und in den USA alles noch viel schlimmer ist, ist nur ein schwacher Trost.

  5. Kommunist! Na so was? Will verstaatlichung des Gesundheitswesens. Wo sind wir denn? Ja wo kommen wir denn da hin. Das schadet ja blackrock, den Heuschrecken und Merz. Jetzt Aber mal Donato mit Ihren gspinnerten Gedanken. Denken sie mal an den Aktienkurs!

  6. Hallo Herr Hanefeld,

    mal eine dumme Frage …
    Wieso nimmt man zu Not nicht einfach Vollgesichtsmasken wie sie auch im Tauchsport verwendet werden? Die integrierte 1.Stufe regelt doch alles zuverlässig von ganz alleine.

  7. Danke für den Artikel.

    Früher oder später wird Corona auch die Entwicklungsländer treffen, die diese Technik nicht haben, und die Fachleute die sie bedienen können schon gleich garnicht.

    Könnte unter diesen Umständen die „eiserne Lunge“
    (https://de.wikipedia.org/wiki/Eiserne_Lunge)
    eine vorübergehende Alternative sein um in diesen Ländern die Todesrate zumindest etwas zu senken?
    Einfacher und günstiger zu produzieren, und vermutlich einfacher zu bedienen?
    Konnte dazu nichts finden.
    Oliver

    1. Toller Vorschlag und vielen Dank, das alte Gerät in’s Spiel zu bringen.

      Das System hilft, wenn der Patient keine Atemreflexe mehr hat; der Brustkorb wird durch Druck in der Kammer gehoben und gesenkt. Vermutlich ist diese Beatmung schohnender als invasive Tubus-Beatmung. Letztere hat sich durchgesetzt – dies geschieht in der Regel, wenn eine Technik ähnlich leistungsfähig und günstiger ist.

      Meine Vorstellung der Dritten (und auch der Ersten) Welt ist allerdings so, dass die faktisch produzierbare Anzahl dieser materialintensiven Geräte im Zweifel zu gering ist und nicht der einfachen Bevölkerung zugute kommen wird.

      Kurz: Die Potentaten wollen die „echten“ (westlichen) Geräte und das Volk muss es sich selbst basteln. Daher gilt: Jedes Gerät hilft – je einfacher, je besser.

      Beatmung ist auch Psychologie: Das Beatmungsgerät sollte vom Patienten akzeptiert werden, um wirksam werden zu können.

      Alle hoffen wir, dass wir diesen Blog nie wieder lesen möchten…

      Die jetzt neu entwickelten Geräte mögen im Schrank verschwinden — bis …

      Denkbar ist, dass zukünftig zu jedem Haushalt der Welt eine Art NIV-„Atemverstärker“ gehört, der bei Sauerstofff-Unterversorgung aus dem Schrank geholt wird. Oder ist das Science-Fiction?

      A.I.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.